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Blick vom Schauinsland nach Süden übers Münstertal am 15.11.2012

 

 

 

 Das Bruttoinlandsprodukt BIP als (noch) wichtigster Index

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als Summe aller im Land hergestellten Güter und Dienstleistungen ist der wichtigste Indikator zur Beurteilung einer Volkswirtschaft. Das BIP misst also die wirtschaftliche Aktivität in einem Land in einer Zahl und kann über die Einnahmen oder über die Ausgaben ermittelt werden:
– BIP als Summe aller Einkommen: Alle Löhne, Gehälter und Kapitalerträge addieren.
– BIP als Summe aller Ausgaben: Private Konsumausgaben, Investitionen der Wirtschaft, Staatsausgaben
(für Konsum wie auch Investition) und Nettoexporte (Aussenbeitrag = Exporte – Importe) addieren.
Aber: Das BIP mißt nur das, was man in Geld messen kann. Unentgeltlich geleistete Familien- und Hausarbeit kommt im PIP nicht vor. Der Markt der Schwarzarbeit wird ignoriert. Ein Autounfall läßt das BIP steigen (Reparatur des Pkw, Krankenhausaufenthalt des Verletzten), den Wohlstand jedoch nicht. Das BIP sagt nichts aus über die (1) Qualität der Ausgaben, (2) die Einkommensverteilung und (3) die Veränderung des Kapitalstocks. Initiativen des Statistischen Bundesamtes, das BIP durch eine ergänzende umweltökonomische Gesamtrechnung aussagekräftiger zu machen, finden kaum Beachtung.

Nationaler Wohlfahrtsindex (NWI)
Schon Robert Kennedy meinte: “Das BIP misst alles, außer das, was das Leben lebenswert macht.” Die beiden folgenden Indizes versuchen es, indem sie das BIB ändern. Der Genuine Progress Indicator (Indikator des wahren Fortschritts) und der deutsche Nationale Wohlfahrtsindex (NWI) modifizieren das BIP:  Zum BIP den Wert von Nonprofit-Arbeiten (Hausarbeit und ehrenamtliche Tätigkeiten) addieren und die Kosten (Autounfälle, Alkoholismus, Umweltverschmutzung, …) abziehen. Wie das BIP nennt der NWI am Ende wieder einen Euro-Betrag. Problem: Wie soll man die vom BIP abzuziehenden Kosten bewerten, z.B. die Kosten von Lärm, dem Umweltverschmutzer Nr 1?

Human Development Index HDI (Index der menschlichen Entwicklung)
Der HDI des pakistanischen Ökonoms Mahbub ul Haq und seines indischen Kollegen und Nobelpreisträgers Amartya Sen klammern das Problem der Bewertung von Umweltkosten aus. Neben der Wirtschaftsleistung berücksichtigen sie die Lebenserwartung und das Bildungsniveau – und schon führt nicht mehr Katar den Pro-Kopf-BIP an, sondern Norwegen.

Better Life Index der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)
Dieser berücksichtigt elf Faktoren – etwa Freizeit und Wohnsituation. Vorteilhaft ist, das jeder Faktoren selbst gewichten kann: http://www.oecdbetterlifeindex.org. Dies hat aber den Nachteil zur Folge, dass der Index mangels stadtardisierter Gewichtung manipulierbar ust.

Inclusive Wealth Index (IWI)
Das BIP sagt nichts aus über die Nachhaltigkeit. So hat Saudi Arabien ein hohes Pro-Kopf-BIP, gleichzeitig nimmt aber der Vorrat an Öl ab, auf dem dieser Wohlstand basiert. Um die Aussichten eines Landes in Zukunft abschätzen ui können, muß daher auch der Kapitalstock einbezogen werden. Der Inclusive Wealth Index (IWI – Vermögensindex) der UN-Universität berücksichtigt drei Arten von Vermögen:
Humanvermögen (Menschen, Bildung, Lohnniveau),
Anlagevermögen (Infrastruktur, Maschinen) und
Naturvermögen (Bodenschätze, Wälder und Ähnliches).
Hinsichtlich der Veränderung des Pro-Kopf-Vermögens haushalten Chinesen und Deutsche besonders nachhaltig. Nigerianer, Kararer, Venezolaner und Russen dagegen leben von der Substanz.
Kritik am IWI: Er berechnet das Naturkapital eines Landes und spielt die Möglichkeit vor, man könne die Umwelt  ausbeuten, wenn man nur genug in Bildung und Infrastruktur investiert. Gefährlich hinsichtlich Artenvielfalt oder  Klimawandel, da sich eine einmal ausgerottet Tirrart nicht einfach durch ein paar Autobahnkilometer ersetzen läßt.

Ökologischer Fußabdruck im Index?
Die Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission nannte das Bildnis vom Armaturenbrett eines Autos, das bis heute nur eine Anzeige hat: den Tachometer bzw. das BIP. Die Staaten dieser Erde benötigen aber Armaturen, die alle relevanten Informationen anzeigen, so auch den ökologischen Fußabdruck: Er gibt an, welche Fläche erforderlich ist, um den Naturverbrauch einer Person, eines Landes bzw. der gesamten Menschheit auszugleichen. Hier zeigt sich, dass die Menschheit  anderthalb Erden benötigte, um ihren jetzigen Lebenswandel dauerhaft halten zu können – sie lebt über ihre Verhältnisse und zehrt das Naturkapital ihres Planeten auf.

 

Finanzkrise 2008/2009 hat Wohlfahrt in Deutschland nicht geschmälert 

Der Wohlstand in Deutschland ist durch die Finanz- und Wirtschaftskrise weniger stark in Mitleidenschaft gezogen worden als das Bruttoinlandsprodukt (BIP) dies vermuten lässt. Das sagt der Volkswirt Hans Diefenbacher von der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) in Heidelberg. Er beruft sich auf die Entwicklung des sogenannten Nationalen Wohlstandsindex (NWI), den er 2009 gemeinsam mit dem Umweltwissenschaftler Roland Zieschank von der Freien Universität Berlin im Auftrag des Bundesministeriums für Umwelt konzipiert hat. Die Forscher haben den NWI jetzt erstmals aktualisiert, auf Grundlagen von Daten für die Krisenjahre 2008 und 2009. In diesem Zeitraum, sagt Diefenbacher, sei die Wohlfahrt in Deutschland gar nicht gesunken. Im Gegenteil. Wie er zu diesem Schluss kommt, erklärt er im Interview.

Herr Prof. Diefenbacher, Sie sagen, die Wohlfahrtsentwicklung in Deutschland sei von der Wirtschaftskrise nicht betroffen gewesen. Eine steile These. 
Das ist sie nur, wenn Sie auf das BIP sehen, das die über den Markt vermittelte Wertschöpfung misst. Das BIP war von seinen Erfindern auch nie als Wohlfahrtsmaß gedacht gewesen, wurde aber immer mehr auch in dieser Funktion verwendet; das ist nicht mehr zeitgemäß. Roland Zieschank und ich haben deswegen versucht, die Wohlfahrtsberechnung mit dem NWI auf eine breitere Basis zu stellen. Und die offenbart für 2008 und 2009 eben erhebliche Unterschiede zwischen der Wohlfahrtsentwicklung einerseits und der rein ökonomischen Entwicklung andererseits. Mit anderen Worten: Das BIP nahm deutlich ab, der NWI stieg dagegen sogar leicht.
Das müssen Sie erklären.
Das BIP stellt zur Berechnung der Wirtschaftskraft einzig auf die durch Waren oder Dienstleistungen geschaffenen Werte ab. Der NWI setzt beim privaten Verbrauch an, und gewichtet diese mit Einkommensverteilung. Dieser Konsum stiftet unseres Erachtens nach einen positiven Nutzen und trägt damit zur Wohlfahrt der Menschen bei. Zu dieser Größe addieren wir Wohlstandsförderndes wie den Wert der Hausarbeit und ehrenamtlicher Arbeit. Wohlstandsverluste wie Umweltschäden ziehen wir ab. Da die deutsche Wirtschaft infolge der Krise weniger produziert hat, sanken zum Beispiel der Ressourcenverbrauch oder die CO2-Emissionen – und die damit verbundenen Kosten. Das trug unterm Strich zu einer Erhöhung der Wohlfahrt bei. ….
Gesamtes Interview „Die Krisenjahre haben die Wohlfahrt in Deutschland nicht geschmälert“ mit Prof Hans Diefenbacher vom 19.1.2013 bitte lesen auf
http://www.nachhaltigkeitsrat.de/index.php?id=6843

Der NWI wurde von der FEST in Heidelberg in Kooperation mit der FU Berlin entwickelt:
Wie können Konzepte zur Messung gesellschaftlicher Wohlfahrt entwickelt werden, die als Alternative zur Verengung der Sichtweise der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung mit deren Leitindikator Bruttoinlandsprodukt dienen, indem sie auf einer Operationalisierung des Begriffs der Nachhaltigkeit aufbauen? Wohlfahrtsmessung in Deutschland: Ein Vorschlag für einen neuen Wohlfahrtsindex (NWI) 

FEST – Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft e.V.
Schmeilweg 5, 69118 Heidelberg, Tel 06221 91 22 0
Hans Diefenbacher

www.fest-heidelberg.de

FU Berlin, Roland Zieschank
http://www.polsoz.fu-berlin.de/polwiss/forschung/systeme/ffu/team/mitarbeiter/zieschank_roland/index.html

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