Bomben auf Freiburg 27.11.44

Am 27. November 2014, also vor 70 Jahren, wurde Freiburgs Altstadt bombardiert. Zwischen 19.48 und 20.21 Uhr wurden 150300 Bomben abgeworfen und ließen 2797 Tote, 9600 Verletzte und 11000 Obdachlose zurück. 4/5 der Altstadt wurden zerstört. Informationen zum furchtbaren Geschehen liefert das von Carola Schark im Herbst 2014 vorgelegte Gedenkbuch “Dem Vergessen entreißen”, in dem sie die Schicksale der Bombardierten recherchiert.

 

Gedenkbuch von Carola Schark zum 27.11.2014
Der Unterschied zwischen einem ersten Gedenkbuch von 1954 und Scharks Arbeit “Dem Vergessen entreißen”: Während 1954 die Namen der Opfer “nur” aufgelistet wurden, hat die 49-Jährige nun versucht, die Schicksale hinter den Namen zu recherchieren und zu erzählen. Dafür griff sie auf Dokumente im Stadt- und BZ-Archiv zurück und rief in den Medien Zeitzeuginnen und Zeitzeugen dazu auf, ihr ihre Erlebnisse zu erzählen. …  Die Opfergeschichten werden durch lesenswerte Aufsätze zum Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln ergänzt. Autoren sind Andreas Meckel, die für den Münsterbauverein arbeitende Kunsthistorikerin Heike Mittmann, BZ-Autor Manfred Gallo und der mittlerweile verstorbene Bernhard Adler. Auch Carola Schark hat drei Beiträge verfasst. ….
Mehr  vom 4.11.2014 bitte lesen auf
http://www.badische-zeitung.de/freiburg/praegend-verstoerend-zerstoerend–94063017.html

Carola Schark, Andreas Meckel, Heike Mittmann und andere: “Dem Vergessen entreißen”.
Rombach-Verlag, Freiburg 2014, 310 Seiten, 29,90 Euro (auch erhältlich in der BZ-Geschäftsstelle am Bertoldsbrunnen)

 

Fünf Zeitzeugen:

Anita Stoll sah als 17-Jährige den Angriff auf Freiburg von Todtnauberg aus. Noch heute hat die 88-Jährige diese Bilder ganz klar vor Augen und in ihrem Gedächtnis:
“Am 27. November 1944 fuhr meine Mutter nach Freiburg, um meinen vermissten Vater zu suchen. Am Abend kam meine Freundin atemlos angerannt und rief: “Der Himmel über Freiburg ist feuerrot, ich glaube jetzt bombardieren sie die Stadt.” Wir liefen auf einen Hügel vor dem Bauernhaus, wo pausenlos Flugzeuge in niedriger Höhe über uns flogen. Wir hatten furchtbare Angst, meine Großmutter zündete Kerzen an. Meine Mutter wurde am Bahnhof von einem Soldaten aus den Trümmern gerettet. Sie lief über den Schauinsland in Etappen mühsam nach Todtnauberg. Zwei Tage lang habe ich nicht gewusst, ob sie noch lebt und mein Vater hatte sie auch nicht gefunden. Meine Mutter hat nicht gesprochen und immer wieder geweint.”

Der Freiburger Bernhard Leupolz lag damals als Kind nach einer Operation in der Uni-Klinik. Die Bombennacht gehört zu den schlimmsten Erlebnissen seines Lebens:
“Als es krachte, bin ich aufgewacht. Das gesamte Fenster fiel ins Krankenzimmer. Ich wusste nicht, was los ist, stand auf, suchte den Weg in den Luftschutzkeller. Das Licht war ausgefallen. Es kamen immer mehr schreiende Kinder, jeder war auf sich gestellt. Am Morgen wurden wir notversorgt. Die Stationsärztin zog mir mit brennender Zigarette die Fäden und machte mir einen festen Verband auf die Wunde. Ich dachte: Wo steckt meine Mutter mit den zwei Brüdern? Stundenlang suchten sie mich in der Klinik. Gegen Mittag kamen sie, ganz schmutzig im Gesicht und den Kleidern. Sie hatten nur einen kleinen Koffer und ein zusammengebundenes Leintuch. Wir wurden total ausgebombt.”

Freia Hermann, 1929 in Freiburg geboren, musste mit einer Stablampe einen großen Bombenkrater an der Ecke Sternwald-/Zasiusstraße bewachen:
” Die Leute kamen barfuß, die Kinder auf dem Arm,im Nachthemd auf der Flucht Richtung Höllental. Es war sehr mühsam, alle daran zu hindern, in das Loch zu fallen. Ein anfahrendes Auto mit Offizier, von mir angehalten, hat dann Hilfe gebracht. Das Viertel wurde evakuiert ins Forstamt Wendlingen. Die noch intakte Bombe, vor der ich dien halbe Nacht gestanden hatte, wurde entschärft, und ich freut mich auf ein Schläfchen im Keller.”

Jürgen Bross erlebte die Bombennacht als Sechsjähriger – und zwar in einem Luftschutzkeller in Freiburg:
“Unsere Mutter wollte uns ins Bett bringen. Da jaulten Sirenen auf, dröhnten markerschütternd: Fliegeralarm! In den Keller! Die Treppe hinunter. Das Licht zitterte. Von draußen ein tiefes Brummen, Krachen, wie wenn Gasflaschen aufeinander schlagen. Wo ist Mutti? Sie kommt mit meinen zwei kleinen Brüdern und dem Kellerkoffer. Im Keller waren einige Hausbewohner. Endlich kam auch Oma Theres vom Hinterhaus. Oben heulte und krachte es. Das war “der Angriff”! Oma und Mama beteten. Heilige Maria…! Waren das die Flieger, von denen ich gestern am blauen Herbsthimmel einen gesehen hatte, geduckt aus meinem Terrassenversteck? Dann eine Riesendetonation. Jetzt hat’s eingeschlagen. Glas splittert die Kellertreppe herunter. Staub. Husten. Alles dunkel. Jesus, Maria. Das Haus hält. Es stürzt nichts ein.”

Pfarrer Willi Gallé aus Kirchzarten suchte im ausgebombten Freiburg seine 18-jährige Tochter Elfriede. In einem Brief berichtete er am 29.11. 1944 seinen Eltern in Mannheim davon:
“Es war Elfriedes erster Tag im Kriegshilfsdienst-Einsatz in Freiburg im Diakonissenhaus. Kaum eine halbe Stunde dauerte der Angriff – ein schaurig-schönes Schauspiel. Rote und grüne Raketen und mitten drin Sternfeuer, wie bei einem Feuerwerk. Dann bricht die Hölle über unserer Stadt los. Und mitten drin unser Kind. Mein Entschluss war gefasst: Ich gehe nach Freiburg und suche Elfriede. Der im Schwarzwald zurückgehaltene 19-Uhr-Zug kam nach 21 Uhr und brachte mich bis in die Wiehre. Und nun hört: 3,5 Stunden habe ich einen Weg durchs Stadtzentrum nach Norden gesucht. Nirgends war ein Durchgang durch die Feuersbrünste möglich. Immer musste ich umkehren. Brand, Funkenflug, Staub, beißender Qualm, Schuttberge, stürzende Mauern. Die Hauptpost brennt. Das Telegraphenamt ist ein Schutthaufen, die Beamtinnen liegen darunter. Das Diakonissenhaus steht! Um zwei Uhr fand ich Elfriede. Sie hatte im Keller des Schwesternhauses die grausige halbe Stunde erlebt.”

 

Erinnerungen an die Bombennacht: “Wie wir in den Keller gestürzt sind…”

70 Jahre nach dem schweren Luftangriff sind am 27. November 1944 wohl bei vielen Freiburgerinnen und Freiburgern die Gedanken in jene Nacht gegangen. Eva Schneider-Borgmann hat 70 Jahre nach der Bombennacht aufgeschrieben, wie sie als Siebenjährige die Bombennacht und die Zeit danach erlebt hat.

“Heute vor 70 Jahren war der Luftangriff auf Freiburg. Wir, die vier Geschwister und die Eltern Borgmann, haben ihn im Luftschutzkeller in der Draisstraße im Stühlinger erlebt. Wir erinnern uns:
Wie beim Voralarm die Eltern die “Kleinen” aus den Betten gerissen haben;
Wie wir in den Keller gestürzt sind;
Wie dort schon Orths und Reimuths, die Hausbesitzer, waren, sie lagen teilweise in den Feldbetten;
Wie Frau Reimuth, sie war schwanger, unentwegt stöhnte;
Wie wir dann alle auf dem Boden lagen;
Wie der Vater, der gottlob – wie wäre es ohne ihn weitergegangen? – wegen einer Anfang der Woche in der Straße gefallenen Bombe auf Heimaturlaub von der Front in der Normandie war, die kleine Margrit, erst zwei Jahre alt, kniend zwischen den Knien hielt;
Wie wir alle beteten;
Wie die schweren Propellermaschinen dröhnten;
Wie es zuerst pfiff und dann krachte, als die Bomben einschlugen;
Wie der Lärm nicht enden wollte;
Wie der Himmel, als wir in die Waschküche zur Toilette gingen, glut-, blutrot durchs Fenster zu sehen war;
Wie wir, als gegen 20.20 Uhr alles vorüber zu sein schien, erschrocken ins Treppenhaus gingen;
Wie dieses von Schutt übersät war;
Wie die Eltern einige Sachen zusammenpackten;
Wie sie die Fahrräder aus der Garage holten;
Wie sie uns, die Großen, beim Vater, die Kleinen bei der Mutter vorne und hinten auf die Räder setzten;
Wie sie an den Lenkstangen Taschen hatten;
Wie sie in der Dunkelheit den Weg suchten nach Süden in Richtung Schönbergstraße, wo unser Dienstmädchen wohnte, in der Hoffnung, dass deren Haus vielleicht verschont war;
Wie wir an Bombentrichtern vorbei kamen;
Wie die Straßen voll lagen von Trümmern und Elektroleitungen;
Wie sie schließlich in die Schönbergstraße kamen, wo tatsächlich nichts zerstört war;
Wie wir dort auf dem Boden bei der Familie des Pflichtjahrmädchens endlich schlafen konnten;
Wie die Eltern mit uns auf den Rädern am nächsten Morgen Richtung Stegen zum Kloster der Herz-Jesu-Priester aufbrachen;
Wie sie mit uns durch die brennende Stadt liefen, an Fahren war nicht zu denken, erst nach Ebnet;
Wie wir durch die Kartäuserstraße kamen;
Wie dort und an anderen Stellen die Leute verzweifelt versuchten, ihre brennenden Häuser zu löschen;
Wie wir schließlich, wir Kinder ganz verängstigt, in Stegen ankamen;
Wie wir dort in Stegen im Waisenhaus, das im Schloss, aus Westfalen evakuiert, untergebracht war, Unterschlupf fanden;
Wie unsere Mutter im Brüderhaus ein Zimmer fand, das sie mit Freundinnen, Jüdinnen, vom Pater Rektor Middendorf dort versteckt, teilte;
Wie wir aber auch dankbar dafür waren, dass die Eltern Kontakt zum Herz-Jesu-Orden, bei dem unser Vater Abitur gemacht und studiert hatte, gehalten hatten, sodass wir und die jüdischen Familien dort unterkommen konnten;
Wie wir dauernd Heimweh hatten und unsere Mutter nur selten sehen durften;
Wie wir hörten, dass immer wieder Bomben auf Freiburg fielen;
Wie wir erfuhren, dass unsere Mutter dennoch regelmäßig per Fahrrad nach Freiburg fuhr, um Lebensmittel zu organisieren und weitere Besorgungen für das Kloster zu machen;
Wie wir schließlich dort das Kriegsende erlebten, als französische Panzer in den Klosterhof rollten und uns Kinder mit Schokolade beschenkten.
Dies alles hat mich heute Nacht fast nicht zur Ruhe kommen lassen.”
27.11.2014, Eva Schneider-Borgmann

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An der Bombardierung Freiburgs sind die Deutschen Schuld

Am 27. November 1944 war der Krieg für Deutschland bereits total verloren. Noch nicht einmal eine Chance auf einen Verhandlungsfrieden bestand mehr. Das war jedem Militär, jedem Politiker und den meisten Bürgern klar. Dennoch hat niemand kapituliert oder sich gegen diese Politik erhoben.
Adolf Hitler hat eine wirksame Verteidigungswaffe gegen die alliierten Bomber nämlich den ersten Düsenjäger ME 262 nicht produzieren lassen, weil er ihn zu einem Schnellbomber umbauen wollte. Ihm lag somit mehr an einer Bombardierung Großbritanniens als an einem wirksamen Schutz der eigenen Bevölkerung vor Luftangriffen. Auch die Strategie britische Bomberverbände bereits über der Nordsee zu attackieren, wo sie sich gruppierten und folglich ziemlich schutzlos waren, hat Hitler abgelehnt. Abgeschossene Flugzeuge wären dann in’s Meer gestürzt und hätten der deutschen Bevölkerung nicht als Abwehrerfolge präsentiert werden können. Propaganda ging dem Regime über den Schutz der Bevölkerung. Deutschland opferte seine Bürger freiwillig.
Das Dritte Reich bombardierte seinerseits Großbritannien mit V 1 und V 2 Waffen. Dies unter lautem Beifall der Bevölkerung, die sehr gerne in Kauf nahm, dass als Vergeltung auch britische Zivilisten getötet wurden. Auch um das tragische Los der in Deutschland Entrechteten scherte sich der deutsche Durchschnittsbürger einen Dreck. Er empörte sich nur dann, wenn die Alliierten ihm das gleiche Schicksal aufbürdeten, und übte mittels Lynchjustiz Vergeltung an abgeschossenen und gefangen genommenen Piloten.
Die deutschen Truppen verteidigten im Winter 1944/45 im Elsass einen Brückenkopf der von Schlettstadt bis etwa Mülhausen reichte. Die einzigen Bahnverbindungen zur Versorgung der Truppen führten über Neuenburg und Breisach. Die Breisacher Bahn wiederum mündet mitten im bombardierten Gebiet in die Rheintalstrecke. Auch die Höllentalbahn war unter der Kriegslage Ende 1944 eine Hauptverbindung für Nachschub aus dem Hinterland an die elsässische Front. Sie wurde auch rege genutzt. Schließlich wurde im Bahnhof von Littenweiler ein Munitionszug durch Bomben zur Explosion gebracht.
Das Bild der BZ von der Kaiser-Joseph-Straße zeigt das zerstörte Kaufhaus Knopf. Dieses Kaufhaus war früher in jüdischem Besitz gewesen, und wurde von Ariseuren unter anderem der Sparkasse den rechtmäßigen Eigentümern gestohlen. Mit Sicherheit sind das nicht die einzigen gestohlenen Gebäude, die danach den Bomben zum Opfer fielen. Können sich die Diebe ernsthaft als Opfer des Bombenkrieges gerieren?
Am 27. November 1944 war noch kaum ein Vernichtungslager der SS befreit worden. Laut FAZ hat an diesem Tage Himmler die Zerstörung der Gaskammern und Krematorien von Auschwitz befohlen, um die Beweise des Massenmordes zu beseitigen. Deutsche Soldaten verteidigten an diesem Tage aber immer noch zahllose Gaskammern, damit dort das Tötungswerk fortgeführt werden konnte. Hätte es die Bombenangriffe nicht gegeben hätte dies Kapazitäten der deutschen Industrie freigesetzt, die nicht für die Wiederinbetriebnahme bombardierter Anlagen und den Bau von Flakkanonen benötigt worden wären. Mit ihnen hätte man die Verteidigung von Auschwitz vor seinen Befreiern sicherlich noch effektiver unterstützen können.
Die Zerstörungen in Freiburg sind auch deshalb so schmerzlich, weil vieles was beschädigt war, nicht wieder rekonstruiert sondern abgerissen wurde. Während zu früheren Kriegszeiten die zerstörten Städte wieder mit schönen Bauten des Barock oder auch des Art Deko errichtet wurden, haben wir in Deutschland und auch in Freiburg unsere Städte nach dem Krieg mit dem hässlichsten verschandelt, was Architekten sich ausdenken konnten. Zuletzt hätte es beim Freiburger Hof südlich des Martinstores die Chance gegeben, ein kriegsversehrtes aber stadtbildprägendes Haus wieder zu reparieren. Man hat sich für ein nichtssagendes modernes Dach entschieden. Insgesamt ist weit mehr alte Bausubstanz dem Modernisierungswahn der Nachkriegszeit zum Opfer gefallen als den alliierten Bomben.
Ich glaube daher nicht, dass wir Deutsche auch nur den geringsten Grund haben, mit dem Finger auf Großbritannien und die USA zu zeigen.
….
Das Problem eines Krieges zwischen Nationen ist, dass die Nation keinen Unterschied macht, ob man für das jeweilige Regime oder dagegen gar verfolgt von ihm ist. Man ist dennoch Mitglied und Teil der Schicksalsgemeinschaft, die sich für einen Kampf mit einer anderen Nation entschieden hat. Daher muss man sich als Bürger Kriegseinwirkungen gefallen lassen, auch wenn man selbst gerne Frieden schließen würde. Es geht mir auch nicht so sehr um die Sinnhaftigkeit der nächtlichen Flächenbombardements. Es geht mir darum, klar zu stellen, dass die Verantwortung dafür bei der deutschen Führung zu suchen war. Sie hat einen längst verlorenen Krieg fortgesetzt und dabei nicht nur die Zerstörung fast aller deutschen Großstädte in Kauf genommen, sondern auch mehr als die Hälfte aller deutschen im Krieg gefallenen Soldaten geopfert. Dass auch die Judenvernichtung erst zu einem Zeitpunkt richtig zum Laufen kam, als der Krieg bereits verloren war, ist nur ein weiterer Aspekt dieses unbedingten Vernichtungswillens den die Nazis über Deutschland gebracht haben, und dem schlussendlich Verfolgte, Gegner aber auch die Anhänger und Mitläufer des Regimes zum Opfer gefallen sind. Und hätte es nicht ein paar Offiziere und Naziführer mit Restverstand gegeben, so hätte der Befehl Hitlers, die Lebensgrundlagen des deutschen Volkes vollständig zu zerstören, noch viel unermesslicheres Unheil an den Deutschen angerichtet.
Diese unbeschreiblichen Untaten, die sich gegen alle Menschen im Herrschaftsbereich der Nazis richteten einfach wegzuschieben, und die Schuld bei den Alliierten abzuladen, ist in Wahrheit eine ungeheuerliche Leugnung der Naziverbrechen.
Dass neben diesen Überlegungen auch Kritik am Bombenkrieg der Alliierten zulässig ist, und man sich die Frage stellen darf und muss, was für einen Sinn diese Angriffe letztendlich hatten, ist völlig legitim, solange diese Frage nicht unter der Prämisse gestellt wird, den Alliierten Kriegsverbrechen zu unterstellen, und sie auf eine Verbrecherstufe mit dem Hitlerregime zu heben. Der Bombenkrieg war schlussendlich nicht erfolgreich. Er hat das Volk eher hinter seinen Hitler geeint, statt die gewünschte Spaltung zu erreichen. Die Rüstungsproduktion konnte nicht dauerhaft zerstört sondern nur behindert werden. Vielleicht hätten andere Maßnahmen wie eine klare Zukunftsgarantie für Deutschland nach einem verlorenen Krieg mehr bewirkt, um den Schrecken vor dem totalen Zusammenbruch durch eine Revolte gegen das Regime zu beenden.
Aber hinterher ist man immer klüger. Hinterher haben auch viele Deutsche erkannt, wohin dieser Rassenwahn geführt hat. Hinterher sollten wir aber mindestens darüber Einigkeit erzielen, dass Rechtsextremisten immer und überall ein furchtbares Übel sind, denen es nicht nur um die Ausrottung des Feindes sondern immer um die Vernichtung aller Menschen geht. Leider können wir selbst über diese Erkenntnis keine Einigkeit erreichen.
……
Zum einen gibt es im Kriegsrecht keinen absoluten Schutz einer Bevölkerung . Es gibt nur einen relativen Schutz, der je nach den Umständen größer oder geringer sein kann. Befinden sich in einer Stadt Rüstungsbetriebe in der Innenstadt wie in Coventry, ist der Schutz der in direkter Nachbarschaft lebenden Zivilisten faktisch nicht vorhanden, weil diese Rüstungsbetriebe ein legitimes Kriegsziel darstellen. Auch die dort beschäftigten Arbeiter kann man als indirekte Kombattanten ansehen, die aktiv bekämpft werden dürfen. Damit verlieren auch deren Familien faktisch jeden Schutz, wenn sie sich weiterhin in den Arbeitersiedlungen aufhalten. Diese Rechtsauslegung hat das Deutsche Reich durch seinen Bombenangriff geschaffen. Es konnte sich daher nicht dagegen verwahren, wenn Großbritannien die Regeln in gleicher Weise auslegte.
Wenn ein Staat selbst massive Kriegsverbrechen vornimmt, und wie Deutschland aus besetzten Gebieten verschleppte Menschen massenhaft mordet, ergibt sich daraus für den Kriegsgegner eine viel dringlichere Notwendigkeit den Krieg so schnell als möglich siegreich und mit der totalen Besetzung des Feindeslandes zu beenden, als wenn die andere Kriegspartei den Schutz der Bevölkerung in den besetzten Gebieten peinlich beachtet, und somit kein schnellstmögliche Beendigung von Kriegsverbrechen notwendig ist. Im ersten Fall halte ich fast jede Maßnahme für gerechtfertigt, die die Chance für einen schnelleren Sieg birgt, als im zweiten Fall, wo der Schutz von Zivilisten einen weitaus höheren Stellenwert genießen kann.
Auch die Area Bombing Directive ist kein statischer Befehl, sondern der Beginn einer strategischen Bombardierung, bei der Anfang 1942 noch überhaupt nicht klar war, welche Möglichkeiten sich im Laufe des Krieges daraus ergeben würden. Weder hatte die Royal Air Force damals ausreichend Maschinen, um größere Luftangriffe auszuüben, noch waren die technischen Unterstützungen, um Ziele sicher anfliegen zu können, entwickelt worden. Ganz zu schweigen davon, dass man die später erworbenen Fähigkeiten, ganze Städte mit Bombenteppichen anzünden zu können, zu dem Zeitpunkt noch gar nicht hatte. Die Area Bombing Directive bezog sich am Anfang nur auf die Legitimation Industriearbeiter angreifen zu dürfen, was eine logische Folge des bereits im 1. Weltkrieg begonnenen Abnutzungskrieges war. Dieser wurde nicht mehr durch siegreiche Schlachten gewonnen, sondern durch den fortwährenden Nachschub an Rüstungsmaterial , mit dem der Feind nach und nach zu Tode geschossen wurde. Bei solch einer Strategie ist der Rüstungsbetrieb ein viel wichtigeres Kriegsziel als die Zerstörung der einzelnen Kanone auf dem Feld, die der Betrieb herstellt.
Da sich auch der Holocaust im Laufe des Krieges entwickelte, und immer abscheulichere Ausmaße annahm, hat sich meiner Ansicht nach das Recht der Alliierten den sich steigernden Massenmorden mit immer grausameren Angriffen entgegen zu treten fortwährend erweitert. Wobei ich natürlich einräume, dass die Befreiung der Konzentrationslager nicht das Hauptkriegsziel der Alliierten gewesen ist.
Und ganz zum Schluss, als die Konzentrationslager fast schon befreit waren, und die Befreiung nur noch von der Geschwindigkeit alliierter Panzer abhing, stellt sich auch für mich die Frage, ob die allerletzten Angriffe z. B auf Potsdam am 15.04.1945 noch irgendeinen militärischen Sinn hatten, oder ob es sich dabei nicht um Kriegsverbrechen gehandelt haben mag. Aber auch dabei darf man nicht vergessen, dass z. B. Anne Frank erst Anfang März 1945 im KZ Bergen-Belsen gestorben ist. Das Lager wurde am 13. April befreit.
27.11.2014, Rainer Brombach

 

Bomben auf Freiburg-Littenweiler vor 70 Jahren am 27.11.1944

Am 27. November 2014 jährte sich die Bombardierung Freiburgs zum 70. Mal. Innerhalb von 25 Minuten verloren 2.800
Menschen ihr Leben. 351 Bomber der Britischen Royal Air Force legten mit 20.0000 Sprengbomben, Luftminen, Brand- und Phosphorbomben die Stadt in Trümmer. Von Littenweiler aus sah der bekannte Autor Christoph Meckel, damals fünf Jahre alt, das Inferno. „Der Himmel ist rot gewesen, die Flammen flackerten, der Rauch zog über die brennende
Stadt“, berichtet er jüngst bei der Buchvorstellung „Dem Vergessen entreißen“ (Carola Schark, Rombach-Verlag).
Auch die damals achtjährige Ursula Dierstein-Emmerich erinnert sich: „… der Großvater (Hermann Molz) nahm uns drei Kinder an die Hand, bis sich der Bunker (im Winkel) geleert hatte. Er wollte uns … vom nahe gelegenen Eichberg aus die Stadt zeigen. … In der Kurve der Eichbergstraße angekommen, sahen wir Folgendes: Die in dunklem Rot leuchtende Kulisse der zerstörten Stadt blendete uns und Großvater zeigte auf das Münster, dessen Turm wie ein Finger herausragte. … Es kam mir vor, als schaute ich in eine Hölle. Ein Schock, keiner sprach, obwohl wir hier
nicht alleine standen. Viele Menschen kamen und schauten entsetzt auf die brennende Stadt; andere waren schon aus der Wiehre nach Osten geflüchtet und suchten Unterkunft. Wir liefen bald mit Großvater nach Hause und kurz darauf kamen Freunde mit Kindern zu uns, deren Haus am Münsterplatz, der Rappen, von Bomben getroffen war. (Quelle: www.freiburg-schwarzwald.de/littenweiler/littenweiler1945.htm)

Peter Schaffer hat die handschriftlichen Erinnerungen seines Großvaters Paul Schaffer, übertragen lassen und dem Deutschen Tagebucharchiv Emmendingen übergeben. Paul Schaffer
lebte auf dem Eichberg in der Villa der Geschwister Blas und erlebte von dort die Bombardierung Freiburgs: “Erst im Spätsommer 1944 begannen sich kurze Blitzangriffe […] zu häufen. Immer aber blieb Freiburg verschont. Die Bevölkerung begann aber doch ängstlich zu werden und an vielen Stellen wurden aus privater Initiative Schutzräume gebaut und zum Teil in die Bergwände gesprengt, in Littenweiler, am Hörchersberg, etc. Der große Angriff am 27. November 1944 abends, etwa 8 Uhr, traf trotzdem die Stadt unerwartet . . . Wir waren in unseren primitiven
Luftschutzkeller. Als wir einen Blick gegen die Stadt warfen, bot sich ein furchtbares Bild: Ein Feuermeer von Bomben,
Leuchtkugeln, roten Signalfeuern […].“ Vor dem 27. November 1944 gab es 13 Bombardements und Beschießungen Freiburgs, darunter auch am 10. Mai 1940, an dem drei deutsche Bomber irrtümlich 69 Bomben abwarfen und
dabei 57 Menschen ums Leben kamen. Bis zum 16. April 1945 erfolgten noch an 32 Tagen Bombenangriffe auf Freiburg, darunter auch am 3. und 25. Dezember 1944 und am 22. Februar 1945 auf Littenweiler. Schaffer schreibt: „Wie ein Nachspiel zu dieser großen Tragödie Freiburgs war ein neuer Angriff am Sonntag, 3. Dezember 1944
mittags, der nur unser Littenweiler und den Eichberg traf. […] Die Flieger flogen über uns in Richtung Freiburg. Als sie etwa über dem Hörchersberg waren, sahen wir Bomben fallen und himmelhohe Rauchwolken aufsteigen. […] neun Bomben waren „Auch das stille Tal bei St. Barbara wurde von den Bomben getroffen“ 70 Jahre Luftangriff auf Freiburg – auch in Littenweiler fielen Bomben Auf dem Alten Littenweiler Friedhof erinnert der Gedenkstein an die gefallenen und vermissten Soldaten der beiden Weltkriege, sowie an die „Fliegeropfer“ Ida Armbruster, Oskar Dilger, Elsbeth Matt und Josef Lutz. Foto: Beate Kierey auf den Eichberg gefallen, sechs in das stille Tal bei St. Barbara, drei auf die Wiese vor unserem Haus bei dem Wasserreservoir. […] Dieses Erlebnis auf dem für besonders sicher gehaltenen Eichberg war eine böse Warnung; hinten im Tälchen ist ein Haus völlig vernichtet worden, andere abgedeckt; mehrere Menschen
getötet worden, die Wasserleitung wurde zerschlagen, sodass der ganze Eichberg wochenlang ohne Wasser war (auch ohne Gas, zeitweise ohne Licht, ohne Telefon und wochenlang ohne Post. Briefe von auswärts brauchten vier bis sechs Wochen bis zur Ankunft). (…) Dafür erfüllte sich die Weihnachtsbotschaft „vom Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“ umso weniger: Am ersten Feiertag, 25. Dezember, in den Vormittagsstunden, bei klarem Frost rangierte (leichtsinnig) ein Zug mit endloser Rauchfahne im Bahnhof Littenweiler. Drei Wagen waren bis zum Friedhof hinausgeschoben, als einige Feind-Tiefflieger über uns brausten, einer ganz tief, vielleicht in doppelter Haushöhe. Der Zug flog mit einer ungeheuren Detonation in die Luft. Vier Tote vom Bahnpersonal, die Frau des Fabrikanten Armbruster, die 200 m entfernt am Fenster stand, von einem Sprengstück in die Hüfte getroffen und verblutet […].“
Ein mit Munition beladene Güterzug wurde nach historischen Quellen gegen 10.15 Uhr von zwei alliierten Jagdbombern angegriffen, dabei explodierte ein Güterwagen mit Flakmunition, wobei auch die Schienen auf 50 Metern aufgerissen wurden und der Bahnverkehr auf der Höllentalbahn für mehrere Tage unterbrochen war – der Bahnhof in Kirchzarten wurde ebenfalls Ziel eines Angriffs.
Laut Statistischen Angaben der Stadt Freiburg befanden sich in Littenweiler 345 Gebäude von denen fünf während des Krieges total zerstört und 315 im Krieg beschädigt wurden, nur 25 Gebäude blieben unbeschädigt. (Gerd Ueberschär, Freiburg im Luftkrieg).
3.12.2014, Beate Kierey, www.littenweiler-dorfblatt.de

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