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Als die Netzfeministin Anne Wizorek (32) aus Berlin im Januar 2013 im Kurznachrichtendienst Twitter das Hashtag #aufschrei einrichtete, löste dies eine Flut von Tweets aus, in denen Frauen über erlebten Sexismus berichteten. Am Dienstag, 15. April, kommt Wizorek auf Einladung der Unabhängigen Frauen nach Freiburg: “Über Rainer Brüderle, Alice Schwarzer und Sexismus”. 
Haben Sie mit #aufschrei dem Feminismus Auftrieb gegeben, Frau Wizorek?
Ich hoffe doch. Das Feedback hat gezeigt, dass die Aktion viele Menschen dafür sensibilisiert hat, was Feminismus ist, die vorher kaum damit in Berührung gekommen waren oder eine ablehnende Haltung hatten. Außerdem hat #aufschrei viele Frauen, die bereits resigniert hatten, dazu gebracht, sich nun wieder für den Feminismus zu engagieren.
Von Gleichstellungsbeauftragten habe ich die Rückmeldung bekommen, dass #aufschrei für ihre Arbeit sehr, sehr wichtig war und sie bestärkt hat. Wie erinnern Sie sich an den 24. Januar 2013, als der „Stern” mit demText über das aufdringliche Verhalten von Rainer Brüderle, damals Spitzenkandidat der FDP für den Bundestag, erschien?
Ich hatte zwar mitbekommen, dass der Stern mit einer Geschichte herauskommt, die sich in die Debatte einreiht, die kurz  davor von dem Spiegel-Artikel von Annett Meiritz über ihre frauenfeindlichen Erfahrungen mit der Piratenpartei angestoßenwordenwar. Persönlich habe ich mich an demTag aber vor allem mit dem Blogpost von Maike Hank auf dem von mir mitbegründeten Blog www.kleinerdrei.org befasst. Sie schrieb dort über ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung auf der Straße und bekam viel Resonanz von Frauen, die ähnliche Erlebnisse berichteten. Ich habe mitdiskutiert, und als ich am Abend nochmal bei Twitter reinschaute, sah ich dieTweets von Nicole von Horst, die angefangen hatte, eigene Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen zu teilen. Sie hatte sich zuvor aufgeregt, dass es unter dem Blogpost wieder mal hieß, Frauen seien selbst schuld, wenn sie belästigt werden. Deswegen begann sie zu beschreiben, wie solche Situationen tatsächlich sind. Daraufhin habe ich den #aufschrei vorgeschlagen.
Und es  begann eine sehr intensive Zeit…
… weil die Debatte eine solche Dynamik entwickelte, dass keine Zeitung und Talkshow mehr am Thema vorbeikam. Das war auch für uns überraschend. Ich denke, dass Brüderle der Katalysator war für das, was dann an Alltagssexismus sichtbar wurde. Ohne uns wären die klassischen Medien beim Verhältnis von Politikern und Journalistinnen stehengeblieben.
#aufschrei hat gezeigt, wie verbreitet Alltagssexismus ist. Laura Himmelreich, die den Brüderle-Artikel geschrieben hat, sagt, es sei Verdienst von #aufschrei, dass die Debatte „die Grenzen zwischen Online und Offline durchbrach”. War das so?
Schon. Bis dahin drehten sich die meisten Debatten, die im Netz begannen, um  netzspezifische Themen wie Datenschutz. Sexismus aber bewegt und berührt sehr viele Menschen, weshalb die Debatte von online nach offline getragen wurde. Ich habe viele Rückmeldungen von Frauen bekommen, die sagten, sie hätten nun zum ersten Mal inihrem Leben über Sexismus geredet. Das Thema galt als überkommen, verstaubt, und plötzlich war es überall: auf der Arbeit, in der Kneipe, in Familien.
Gibt es eine neue feministische Szene, die sich in #aufschrei gefunden und gezeigt hat?
Ja und nein. Diese Szene ist nicht neu, die war schon vorher da, wurde aber durch #aufschrei für mehr Menschen sichtbar. Es hat sich gezeigt: Feminismus ist so vielmehr als Alice Schwarzer. Die kämpft vor allem gegen Prostitution, Kopftücher und Pornos und kommt zunehmend intolerant daher.
Wie stehen die neuen Feministinnen dazu?
Ich kann nicht für die ganze Szene sprechen, denn die ist nicht homogen, was schön ist, ich kann nur für mich und mein Umfeld sprechen. Wir finden, dass ein Verbot der Prostitution der falsche Ansatz ist und es Ziel sein muss, dass Sexarbeiterinnen mehr Rechte bekommen. Es trägt auch nicht zu einer differenzierten Sicht bei, wenn man Sexarbeit und Menschenhandel in einen Topf wirft. Dasselbe gilt für das Thema Kopftuch. Ich arbeite mit Muslimas wie Kübra Gümüsay zusammen, die nach dem Vorbild von #aufschrei den #schauhin gegründet hat, um alltagsrassistische Erfahrungen zu sammeln. Die ist für mich nicht weniger Feministin, weil sie Kopftuch trägt. Im Gegenteil, ich finde es super, wie sie beides miteinander vereint.
Sie sagten einmal: „Das Old- Boys-Network muss aufgebrochen werden.” Wie denn?
Das bezog sich vorwiegend auf den Arbeitsmarkt, wo es Mittel wie die Geschlechterquote gibt, mit der sich Machtgefälle ausgleichen und sexistische Strukturen aufbrechen lassen. Es muss viel stärkere Anreize geben, damit sich in Unternehmen eine Kultur entwickelt, die Frauen in Führungspositionen haben will. Auch weil durch Studien belegt ist, dass solche Betriebe wirtschaftlich erfolgreicher sind.
Was sind außerdem für Sie die wichtigsten feministischen Ziele?
Aktuell wird die Rezeptfreiheit für die „Pille danach” heiß diskutiert. Wir wollen, dass alle Frauen einen diskriminierungsfreien und unkomplizierten Zugang dazu haben. Außerdem steht die Familienpolitik im Fokus, dabei ist uns die Abschaffung des Ehegattensplittings wichtig und ein anderer Umgang mit Alleinerziehenden. Für diese ist es unmöglich, einen Kinderbetreuungsplatz zu finden, wenn sie keinen Job haben und umgekehrt. Folge ist eine Spirale in die Altersarmut. Der Gender Pension Gap, also die große Rentenungleichheit zwischen Männern und Frauen, muss Thema werden. Und unter dem Begriff Care Revolution formiert sich gerade eine Bewegung aus Menschen, die in Gesundheit, Pflege, Erziehungs-, Bildungs- und Hausarbeit tätig sind und Anerkennung und faire Bezahlung fordern.
13.4.2014, Das Gespräch führte Sigrun Rehm,  www.der-sonntag.de
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ANNE WIZOREK (32) ist Beraterin für digitaleMedien und entwickelt Strategien für Unternehmen, die im Netz kommunizieren. Sie „lebt im Internet und in Berlin”, wie sie sagt. Sie hat den Blog www.kleinerdrei.org gegründet. Am Dienstag, 15. April 2014, 20 Uhr, hält sie einen Vortrag im Werkraum des Theaters Freiburg.

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