Almauftrieb vom Vallee Munster zur Ferme Auberge du Treh

Parade, Pilgerzug oder Prozession? Vielleicht von allem etwas. Es ist ein feierlicher Moment, wenn im Frühjahr die Kühe und Hirten auf die Alm hinaufwandern. Mitzuerleben ist das am 19. Mai im Münstertal im Südelsass. Hüa! Hüa! Bevor auch nur eine Kuh in dem kleinen Dorf Mittlach im Münstertal zu sehen ist, hört man sie. Es ist ein Glockengeläut, das Tote aufwecken könnte. Die Parade der Hirten und der mit Glocken, Blumen und Tannenbäumchen geschmückten Kühe wird von einem jungen Mädchen in Tracht angeführt. Jede Kuh ist anders. Manche haben schwarze Flecken, andere braune Tupfer, einige sind dürr und lang, einige stämmig und kräftig, manche erscheinen gar anmutig grazil. Die meisten kommen vertrauensselig daher, ein paar wirken gefährlich. Allen gemeinsam ist der Drang auf die Berge, und sie wissen wo’s hingeht: ins Paradies der Kräuter und Blumen. Beim Anblick des Zugs hören Bäcker mit dem Backen auf, verschieben Hausfrauen den Wochenendeinkauf, und das Autowaschen muss auch warten. Alle stehen dann da, rufen Salut und machen Fotos, als wär’s das erste Mal, das eine Vosgienne, das typische Fleckvieh der Vogesen, vorm Fenster vorbei schaukelt. Dabei lebt der Brauch der Fernweidewirtschaft, Transhumanz genannt, schon seit Jahrhunderten in den Südvogesen. Verständlich, denn wenn es im Winter im Tal kalt ist, dann herrschen auf der Alm sibirische Temperaturen und brutale Winde. Das hält keine Kuh aus, geschweige denn ein Bergbauer. Darum überwintern Bauern und Vieh im Tal. Kenner wissen, dass der Winterkäse nur halb so gut schmeckt, weil die Kühe dann nur Heu zu fressen kriegen. Erst im Sommer, wenn es in die Kräuter und Blumen geht, hat der Münsterkäse das volle Aroma.
Zielort der Wanderung ist die Ferme Auberge du Treh von Jean-Paul Deybach unweit von Le Markstein in 1266 Meter Höhe. Der Wirt ist ein Vogesen-Urgestein. Sein Vater war schon Bergbauer, sein Bruder ist es, seine Kinder helfen mit, und sein ältester Sohn hat erst vor einigen Jahren den Hof übernommen. Als einziger trägt Deybach ein so genanntes Melkerkappel, das an einen gallischen Helm à la Asterix (nur ohne Flügel) erinnert. Rund 50 Kühe und doppelt so viele Menschen – Freunde, Touristen und Leute, die früher mal hier wohnten und Heimweh haben – sind es, die sich in Mittlach Deybach und den Hirten anschließen. Für die 18 Kilometer lange Tour ist eine ordentliche Kondition von Nutzen, sechs Stunden sollte man einplanen. Hin und  wieder bricht eine Kuh aus und stapft eine Böschung hinauf,  zertritt Farne, Frösche und Würmer, also alles, was ihr in den Weg kommt. Sofort rennen zwei Hirten herbei und bugsieren sie zurück auf den Weg. Hüa, Hüa!, rufen sie dann. Nach einer Stunde wird es ruhiger, man ist im Trott und statt zu fotografieren und mit einander zu quasseln kehrt Stille ein. Auch die Kühe hören mit dem Ausbüchsen auf. Eine Frau weiß, warum die Kühe vorne gehen und die Leute hinten: „Die Menschen wären zu schnell, die Kühe kämen sonst kaum mit.” Nach einer, vielleicht zwei Stunden wird in einer Kehre Rast gemacht, und Jean-Paul Deybach hält eine launige Ansprache: „Salut tout le monde!” Er sagt, es verhalte sich genau andersherum: Die Menschen seien zu langsam, weshalb die Kühe aufs Tempo drückten. Als die Tannen- und Laubwälder einen Blick in die Vogesen frei geben, ist aus dem fröhlichen Frühsommer ein kalter, fast garstiger Herbst geworden. Wolkenverhangen und regnerisch. Gerade noch rechtzeitig vor dem großen Regen erreicht die Gruppe um die Mittagszeit die Ferme Auberge Uff Rain, die ein Sohn von Jean-Paul Deybach betreibt. Mittlerweile ist die „Herde” auf 200 Menschen angewachsen, wo sollen die nur alle Platz finden? Der Berghof ist zwar rappelvoll, aber der sauber geputzten Saustall hat Platz, und hier findet dann bei Eintopf mit Würstchen die Party statt. Der italo-elsässische Alleinunterhalter Mario Brunetti stimmt die Hymne die Münstertals an: „Minschtertal bisch mi lawe, bisch mi freid, juhé, in d’r Heimat isch’s am schenste …” Fast alle singen mit. Eine Gruppe Schweizer, jeder wohl um die 60, 70 Lenze, hat sich Platz geschaffen und stellt sich im Kreis auf. Sie singen wie die Engel. Draußen ertönt der schaurige Klang der Alphornbläser, später Tanzmusik, Kontrabass und Akkordeon. Elsässer in Tracht zeigen die elsässische Flagge. Dann klart es auf. Und der Lindwurm aus Mensch und Tier zieht sich nochmal ein, zwei Stunden durch Buchenwälder und über morastige Wege, auf der Route des Crêtes, an Autos und Motorrädern vorbei und über große, weite Bergweiden. Mit einem Dankgottesdienst und einem Fest mit Tiroler Tanzmusik endet der Tag bei der Kapelle von Le Markstein. Wer sich vorher angemeldet hat, wird nun vom Shuttle-Bus gratis zurück ins Tal gebracht. Wer mag, geht mit den Hirten noch ein paar hundert Meter weiter zur Ferme du Treh. Dort gibt es Abendessen und einen Platz zum Übernachten. Die Kühe sind derweil schon fleißig am Kauen. Diese Kräuter und Blumen! Der Käse wird gut.

Transhumance – Fernweidewirtschaft: Die Wanderung mit Kühen und Hirten findet am Samstag, 19. Mai, statt. Treffpunkt ist um 9Uhr in der Ortsmitte von Mittlach (Münstertal). Information und Reservierung von Essen und Shuttle-Bus: Telefon 0033/389391679 (Ferme Auberge du Treh),
www.valleemunster-transhumances.fr 

Pascal Cames, 13.5.2012, www.der-sonntag.de

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