Absage von Festen: Wieviel Lärm in der Wohlfühlstadt Freiburg?

Eine Wohlfühlstadt in der Feier-Krise. Sterben Freiburgs Feste aus? Es gibt derzeit eine Fest-Absageritis in Freiburg, die tiefe Risse zwischen mehreren Veranstaltern und der Leitung der Ordnungsamtes offenbart. Dahinter lauert zugleich eine andere Debatte: Wie viel Lärm wollen wir dem Leben zugestehen? Die letzte in einer Reihe von Freiburger Festabsagen in recht kurzer Zeit betraf das Schlossbergfest. In dieser Woche gaben Frank Böttinger, Jörg Dattler und Toni Schlegel bekannt, dass das mehrtägige Ereignis in den Ferien 2012 nicht stattfinden wird. Und völlig unverblümt verbanden sie ihren Rückzug mit einem Angriff auf das Amt für öffentliche Ordnung und dessen sich in dieser Woche im Urlaub befindenden Leiter Walter Rubsamen. Die Zusammenarbeit mit Rubsamen sei unzumutbar, eine Unterstützung durch die Stadthabe man zudem nie erfahren, heißt es. „Auf absehbare Zeit wird es die Veranstaltung unter diesen Rahmenbedingungen nicht mehr geben, wir haben keine Kraftmehr dazu”, legt Mitveranstalter Toni Schlegel nach. Schlegel erinnert daran, dass sich bereits 2008 immerhin 40 Gastronomen zusammengefunden hätten, umsich bei Oberbürgermeister Dieter Salomon über „Gängelung und Schikanierung durch das Amt für Öffentliche Ordnung” zu beschweren. Und als eines mehrerer Beispiele listet er drei später zurückgenommene Bußgeldbescheide auf, die er und seine Mitveranstalter wegen der telefonischen Beschwerde eines einziges Bürgers erhalten hätten, ohne zuvor zückgefragt worden zu sein. In den letzten Wochen war auch bekannt geworden, dass eine große Abi-Feier in der  Messe Freiburg, das Public Viewing zur Fußball-EM im Eschholzpark und die Downtown-Streetparty nicht stattfinden. Die Veranstalter der Abi-Nacht machten eine praktisch kaum verwirklichbare Auflage des Amts für öffentliche Ordnung für ihren Rückzug verantwortlich. Demnach hätten alle noch nicht Volljährigen als Aufsichtsperson eine mehr  als 27 Jahre alte Begleitung mitbringen müssen. Zu spät sei er von der Stadt über die Konditionen aufgeklärt worden, zu denen er die Großleinwand zum Fußballschauen im Eschholzpark aufstellen dürfe, meint wiederum Felix Thoma von Tent Event. Da habe er bereits Sponsoren abgesagt und wollte das hohe finanzielle Risiko nicht mehr eingehen. Die Downtown-Streetpartywurde in diesem Jahr nach der letztjährigen Absage erst gar nicht beantragt. Dafür macht Frank Czaja, Wirt des „Schlappen” und Sprecher des veranstaltenden Vereins, Auflagen der Stadtmit verantwortlich. Rund 20 professionelle Sicherheitskräfte habe man einsetzen müssen, wo früher ein paar Türsteher ausreichten. Zudemsei die Besucherzahl begrenzt worden, man habe stündlich zählen und den Stand per Mail dem Amt für  öffentliche Ordnung schicken müssen. „Wir mussten dafür am Kulturprogramm abspecken”, meint Czaja. „Und wirmachen das Fest ja nicht für die Security.” Czaja betont aber zugleich, dass man von städtischer Seite in der Vergangenheit durchaus um Entgegenkommen bemüht war und man bei ein paar Korrekturen bei den Auflagen die Party 2013 wieder steigen lassen will. Von mehreren absagenden Veranstaltern ließen sich Verbindungen ziehen zur Agentur Endless Event und zu dessen Mitgeschäftsführer Bela Gurath, der mit Rubsamens Amt seit diversen beanstandeten Vorkommnissen beim Open-Air-Festival „Sea of Love” imClinch liegt und gerade eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Walter Rubsamen einreichte. So sagte Bürgermeister Otto Neideck vergangene Woche im Hauptausschuss, dass man den Eindruck gewinnen  könne, dass man sich auf das Amt  eingeschossen” habe und ineiner gebündelten Aktion Druck ausüben will. Überrascht sei man gewesen angesichts der jüngsten Veranstalter-Absagen, so Pressesprecherin Edith Lamersdorff. Bei den Auflagen zur Abi-Nacht gehe es um den  Jugendschutz. Und den nehme die Stadt Freiburg eben sehr ernst, meint Lamersdorf. Die Downtown- Streetparty habe keine anderen Auflagen bekommen als in den Vorjahren, und beim Public Viewing sei man mit dem Veranstalter bis auf wenige Details einig gewesen, als die Absage kam. „Von städtischer Seite aus will niemand eine Spaßbremse sein”, sagte diese Woche auch Oberbürgermeister Dieter Salomon. Man gehe auch auf Ausrichter zuund tue imPrinzip alles, damit Feste stattfinden können, meint Lamersdorf und listet vom Zeltmusikfestival über diverse Weinfeste bis zum „Sea of Love” unter neuer Leitung einige „von Hunderten Festen” auf, die ja nachwievor  stattfänden. Also ist manch eine Absage nicht zuletzt das Resultat einer Privatfehde? In Freiburg erkennt Wirtschaftsförderer Bernd Dallmann darüber hinaus ein strukturelles Problem: „Private Veranstalter haben eine bessere Behandlungverdient. Sie tun etwas für die Stadt, wir alle haben etwas davon. Die Verwaltung muss dafür sorgen, dass geregelter, professioneller und menschlich ordentlicher mit ihnen umgegangen wird.” Dallmanns Erfahrung: Nach dem Love-Parade-Desaster von Duisburgwurden die Ämter nervös: „Jede Behörde ist nun darauf bedacht, nichts, aber auch wirklich gar nichts falsch zumachen. Dadurch gibt es praktisch keine  Interpretationsspielräume, keine Großzügigkeit der Auslegung mehr.” Es gibt seither und schon früher den Trend zu immer neuen Auflagen, undmit dem Fortschreiten der Sicherheitstechnik wird die Erfüllung immer teurer. „Dabei gibt es ja keine neuen Gefahren.” Doch die Sicherheitsauflagen sind nur ein Verhinderungsfaktor. Der größere ist der  Mensch. Bernd Dallmann hat den Eindruck, Lärmbeschwerden von Privatleuten bekämen rechtlich mehr  Unterstützung. So musste zum Beispiel am Freiburger Münsterplatz ein Wohltätigkeitschorkonzert früher beendet werden, weil es einem Anwohner zu laut wurde.
Tatsächlich haben viele Innenstädte einen erstaunlichen Wandel erlebt in den vergangenen zwei Jahrzehnten: Sie sind belebter, die Cafés und Bars rücken auf die Straße und in die Sonne, und abends werden nicht mehr jeden Tag die Bordsteine um sieben hochgeklappt. Nun aber ist es mancherorts zu viel des Lebens. „In Freiburg ist das Leben in den letzten 20 Jahren explodiert”, sagt Dallmann. „Doch ist es nicht bald genug, was wir jetzt haben? Brauchen wir immer neue Massenaufläufe? Das sollte offen diskutiert werden.”
Otto Schnekenburger und René Zipperlen, www.der-sonntag.de

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